Die drei kleinen Lichter der Freimaurerei

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Autor: Philipp Gerlach

Die drei kleinen Lichter der Freimaurerei als Säulen und Gestirne auf einer Arbeitstafel für Lehrlinge des Emulation-Ritus (von John Harris)

Die drei kleinen Lichter sind ein zentraler Bestandteil vieler freimaurerischer Rituale und Symboliken von Licht und Dreiheit. Sie werden von den drei großen Lichtern unterschieden. Während jene über eine klare Zuordnung verfügen, gibt es mehrere Entsprechungen der drei kleinen Lichter. [1]

Historische Entsprechungen

In den ältesten erhaltenen Ritualniederschriften ist nur von "drei Lichtern" die Rede. Zunächst wurde also nicht zwischen den großen und kleinen Lichtern unterschieden.

Die Zuordnung der "drei Lichter" variierte zudem.[2] Im Katechismus des...

Aktuelle Entsprechungen

Personifikationen der drei kleinen Lichter als Weisheit, Stärke und Schönheit auf Strichätzungen von Jens Rusch.

Auch heutzutage existieren noch mehrere Zuordnungen. Am verbreitetsten sind:

Die drei Zuordnungen schließen sich nicht wechselseitig aus und können sich ergänzen, wie im Folgenden erläutert

Weisheit, Stärke, Schönheit

Die drei kleinen Lichter als die drei hohen Kerzenleuchter um die Arbeitstafel.

Mindestens seit dem 'Wilkinson Manuscript' (1727) bzw. 'Masonry Dissected' (1730) werden Weisheit, Stärke und Schönheit als die drei Säulen bezeichnet, auf denen die Loge ruht. Diese Säulen haben auch eine physikalische Entsprechung. Sie befinden sich im Ritual in der Mitte des Tempels, um die Arbeitstafel herum angeordnet.

Besonders in Deutschland nimmt das Entzünden und spätere Löschen der Lichter auf den Säulen eine zentrale Stellung beim rituellen Öffnen und Schließen der Loge ein. [4] Die Lichter werden dabei in der Regel den drei hammerführenden Beamten zugeordnet.

Zudem sind die Säulen häufig mit in drei der klassischen Säulenordnungen ausgeführt.

Daraus ergibt sich, am Beispiel von AFuAM:

Die Trias Weisheit-Stärke-Schönheit stellt nur eine von mehreren Triaden freimaurerischer Tugenden dar (auch z.B. Brüderlichkeit-Toleranz-Menschenliebe). Es scheint unklar, wieso sich letztlich Weisheit-Stärke-Schönheit an derart zentraler Stelle durchgesetzt hat.

Logenstunden

In einigen Lehrarten dient das Entzünden der Lichter der Unterteilung der Arbeit in Logenstunden:

Das Entzünden der drei kleinen Lichter in einer Tempelarbeit.

Sinnsprüche

Der Akt des Entzündens und Löschens zum Öffnen und Schließen der Loge wird meist durch Sinnsprüche begleitet. Im Ritual der AFuAM lauten diese beispielsweise:[6]

  • "Weisheit leite den Bau"
  • "Stärke führe ihn aus"
  • "Schönheit vollende ihn"

Sonne, Mond und Meister

Die drei kleinen Lichter als Sonne, Mond und Meister (KI-generiert)

Eine explizite Zuordnung der drei kleinen Lichter zu Sonne-Mond-Meister ist ebenfalls mindestens seit dem Wilkinson Manuscript (1727) bzw. Masonry Dissected (1730) bekannt. Beide interpretieren die Trias Sonne-Mond-Meister als Regenten:

  • Die Sonne regiert den Tag. Sie spendet das Licht, das für das Leben und die Arbeit notwendig ist. Symbolisch steht sie für das aktive, das warme Prinzip, die Emotionen und das männliche Geben.
  • Der Mond regiert die Nacht. Er steht für das passive, das kalte Prinzip, den Verstand und das weibliche Empfangen. In der Symbolik wird der Mond oft als das Reflektierende gesehen, das das Licht der Sonne widerspiegelt, um auch in der Dunkelheit Orientierung zu geben.
  • Der Meister regiert die Loge. Er soll die Brüder erleuchten (ihnen Wissen und Weisheit vermitteln) sowie über die Einhaltung der Ordnung der Loge wachen.

Mit dem Meister ist also der Meister vom Stuhl, nicht der Meistergrad gemeint.

In einigen Lehrarten (z.B. in den in Deutschland unüblichen Arbeiten in I bis III des AASR) werden Sonne und Mond als physische Darstellungen im Osten, neben dem Meisterstuhl angeordnet.[7]

Interpretation

Die Dualität in Yin und Yang (von Kai Stührenberg.

Es gibt viele mögliche Interpretationen der Trias Sonne-Mond-Meister. Eine mögliche ist, dass es sich in der Gegenüberstellung von Geben (Sonne) und Nehmen (Mond) um keine Wertung habdelt. Das Passive wird nicht minder dem Aktiven gesehen — oder gar das Weibliche minder dem Männlichen. Vielmehr ergänzen sich beide Prinzipien. Die Auflistung des Meisters an dritter Stelle stört in gewisser Weise die Ästhetik der Dualität von Sonne und Mond. Man kann die Nennung des Meisters jedoch auch als Auflösung eben dieser Dualität interpretieren, als Dialektik also: Von These über Antithese zur Synthese. In diesem Sinne vermittelt der Meister die beiden Pole, ohne einen von beiden zu negieren. Im Idealfall bedarf es keines Entweder-Oder, keines Gefühls oder Verstand. Die Meisterschaft läge dann darin, um die Stellung beider Prinzipien im Leben zu wissen, abzuwägen und, durch Maß und Mitte, zur Harmonie zu finden.

Sonne, Mond und (flammender) Stern

In der Strikten Observanz gab und in der 3WK gibt es noch immer die Trias Sonne-Mond-Sterne für Meister-Aufseher-Brüder.[8][9]

Auch auf vielen freimaurerischen, insbesondere deutschen, Arbeitstafeln kommen Sonne, Mond und ein Stern als Bodenzeichen vor. Beim Stern handelt es sich meist um den flammender Stern.[9] Die Trias Sonne-Mond-flammender Stern auf der Arbeitstafel gilt selbst für Lehrarten, die verbal andere Zuordnungen verwenden. So werden beispielsweise die drei kleinen Lichter im AFuAM-Ritual als Weisheit-Stärke-Schönheit sowie Sonne-Mond-Meister benannt. Auf der AFuAM-Arbeitstafel jedoch werden sie als Sonne-Mond-Flammender Stern dargestellt.[6][9][10]

Sonne, Mond und flammender Stern auf Arbeitstafeln...

Weitere Entsprechungen

Es existieren noch etliche, weitere Zuordnungen der drei kleinen Lichter. Im Ritual des FzaS beispielsweise lauten mögliche Kerzensprüche:[11]

  • "Wissen ist Macht! Du Leuchte der Wahrheit, wandle die Nacht 
zu sonniger Klarheit"
  • "Können ist Kraft! Du Leuchte der Stärke, Weise den Weg
 zu dauerndem Werke!"
  • "Wollen zeigt Ziele! Du Leuchte der Güte, gieß deine Schönheit in unser Gemüte!"

Hier gilt also die Trias Wissen-Können-Wollen bzw. Wahrheit-Stärke-Güte.

Am Beispiel der Werklehre des FzaS ließen sich darüberhinaus noch folgende Entsprechungen nennen: [11]

Trivia

Rein äußerlich sind die drei kleinen Lichter größer als die drei großen Lichter.

Die drei Licht-spendende Kerzen korrespondieren mit den drei, ebenfalls Licht-spendenden Fenstern.[7]

Galerie

Die drei kleinen Lichter...

Siehe auch

Anmerkungen

  1. Lennhoff, E., Posner, O. & Binder, D. (1932/2022). Licht. In: Internationales Freimaurerlexikon. Langen Müller.
  2. Carr, H., & Smyth, F. (1976). The Freemason at Work. Lewis Masonic.
  3. Evtl. stehen die drei Lichter im Sloane Manuscript auch statt für Sonne-Meister-Winkelmaß für Sonne-Meister-Reißbrett. Der Text lautet: "The sun, the master and the square".
  4. Lennhoff, E., Posner, O. & Binder, D. (1932/2022). Öffnen und Schließen der Loge. In: Internationales Freimaurerlexikon. Langen Müller.
  5. Lennhoff, E., Posner, O. & Binder, D. (1932/2022). Logenstunden. In: Internationales Freimaurerlexikon. Langen Müller.
  6. 6,0 6,1 AFuAM (2011): Lehrlings-Ritual der Großloge
der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland. Bauhütten-Verlag.
  7. 7,0 7,1 z.B. AASR (2011): Lehrlingsritual. Jacob de Molay zum Nordstern.
  8. Strikte Observanz (1764). Catechismus der str.(ikten) Ob.(servanz). https://www.digitale-sammlungen.de/en/view/bsb10446381
  9. 9,0 9,1 9,2 Feddersen, KCF (1986): Die Arbeitstafel in der Freimaurerei. Band II: Die Symbolik der Arbeitstafel. Quatuor Coronati.
  10. Ein Symbol für den Meister vom Stuhl (z.B. der Meisterhammer) fehlt übrigens. Dies ist auf deutschen Arbeitstafeln sogar die Regel. Symbole des Lehrlings, wie Spitzhammer oder Fäustel hingegen, kommen regelmäßig vor.
  11. 11,0 11,1 FzaS (1914): Das feierliche Gebrauchtum des I. Grades.